SANDY BEACHES & „FOG ON THE TYNE“

Von Schottland Südwesten in Englands Norden

 

Lange war der Weg von Nordirland nach Schottland nur „Hardlinern“ der Tourismusfraktion vergönnt, wir gehören seither dazu … das Ergebnis: Abenteuer Europa und die Chance, an einem der schönsten und unverbrauchten Landstriche Schottland zu landen. Dann passen einige Tage in den „North Pennins“ und entlang des Tyne bestens dazu … Highlight neben viel Historie und unverbrauchter Natur natürlich der Besuch von Newcastle, von wo die Fähre zurück ans Festland geht. Und – wie nicht immer in GB – mehrfaches Glück bei der Campingsuche!

 

Schon die Ausfahrt aus dem tief eingeschnittenen Fjord von Belfast ist „Naturalkino pur“ … alle Passagiere hängen am Oberdeck nahe der Reling und erfreuen sich am Ambiente bei aufklarendem Wetter. Die Fahrt von Ballycastle in die Stena-Docks war eine der leichteren Übungen auf dieser Tour und, weil wir für unsere Verhältnisse schon früh auf den Beinen waren, kam es auch bei Verlassen der Insel, wie es kommen musste: „You’re the Nr.1“. Unsere Frage an die in Bewegung geratenen Hafenmitarbeiter „Are we too early“ stößt auf british-höfliches Lächeln … weniger „amused“ sind die Sicherheitskräfte allerdings kurz darauf, als ich in der überwachten Zone zum Fotoapparat greife. Na immer steht man auch nicht in „Pole position“, das ist schon einen kleinen Aufreger wert.

Die Fährfahrt wird zur „kleinen Bewährungsprobe“ für Gerlinde, der Darm revoltiert etwas, doch die nördliche Irische See zeigt sich „gnädig“ – sprich spiegelglatt – und das leicht nieselnde Wetter erleichtert sozusagen den Abschied von Irland, zumal es bei Ankunft in Schottland besser wird.

In Schottland landen wir im engen Fjord von Stranraer an der äußersten Südwestspitze und von der Fährstation Cairnryan sind es nur weniger Meilen bis zum Sandstrand von Sandhead südlich davon. Mit leichtem Kribbeln fahren wir allerdings zum Camp, da wir keine Antwort auf unsere Emailanfrage bekommen haben … und haben zuerst „Glück“, dass die Rezeption noch besetzt ist, und dann, dass wir schließlich den letzten freien „Stromplatz“ für 2 Nächte ergattern – es ist Hauptsaison bzw. sogar das stärkste Ferienwochenende im UK.

Der Platz selbst präsentiert sich als eine dieser riesigen Holiday Parks mit Mobilhomes, dazu gibt’s einen nummerierten, befestigten Camperbereich … und wir finden Platz am Ende dieser Anlage – sozusagen auf der „Wiese“. Und haben ausgesprochenes Glück, denn wir liegen direkt am 15 km langen Sandstrand, der sich hier, wie überall, hinter einer ausgedehnten Düne verbirgt. No problem, so wird wenigstens der Wind abgehalten.

Dieser Sandstrand „Sand of Luce“ wird schon am kommenden Tag zum „Objekt der Begierde“, denn bei aufkommenden Sonnenschein und nach Frühstück im Freien starten wir zur ausgiebigen „Strand-Tour“. Es ist totale Ebbe und vor uns breitet sich eine schier unendliche Sandlandschaft aus, abgesehen von ein paar Spaziergängern, Hunde, Möwen und badenden Kindern sind wir allein und genießen das unglaubliche Ambiente.

Schon beim Marsch Richtung Dorf entdecken wir große Muschelkolonien und unser Rucksack füllt sich rasch. Nach rund 1 Stunde erreichen wir Ort samt kleinem Shop und Pub, wo wir Vorräte auffüllen und uns am Guiness laben, ehe wir beim Rückweg die Strandgutfüllung so weit treiben, dass wir Platz durch „Vernichtung von Biervorräten“ schaffen müssen … in ganz Irland haben wir vergeblich nach Muscheln gesucht – hier können wir uns austoben und einen riesigen Sack im Wohnwagen verstauen.

Der Relaxtag endet im campeigenen Restaurant „The Lighthouse“, wo wir uns der Mehrheit anschließen und das Leibgericht der Campgäste konsumieren: Pizza! Die Variante „Fisherman’s Friend“ entpuppt sich dabei als echtes Schmankerl mit Meeresbewohnern …

Voller Energie nach diesem gemütlichen Ankommen geht es am kommenden Tag entlang der schottischen Südküste, die viel Tourismus und Natur bietet, Richtung Nordengland. Unsere Hochstimmung steigert sich weiter, als wir erkennen, dass wir wahrscheinlich den einzigen Platz direkt an einem Strand gefunden hatten … Ebbe & Flut, sowie Steilküste und unwegsames Gelände machen dies unmöglich.

Bei Dumfries, dem Hauptort der Region und Heimat des schottischen Nationalpoeten Robert Burns, von dem u.a. „Auld Lang Syne“ stammt, legen wir eine Tank- und Shoppingpause samt Imbiss ein, ehe wir über Lockerbie und Gretna Green zum „Hadrians Wall“ gelangen.

Unser Plan sieht vor, uns ein Camp in der Nähe von Newcastle zu suchen, von wo in 3 Tagen die Fähre nach Amsterdam ablegt, aber wieder wird die Suche zum Unsicherheitsfaktor, weil wir wieder keine Antwort auf unsere Anfrage bekommen haben … Großbritannien ist anders! Und diesmal landen wir per ACSI-Führer auf höchst minderwertiger Straße wieder mitten in der Wildnis und müssen erkennen, dieses Camp ist zwar sehr nett, aber voll!

Also wieder zurück auf den Highway und über enger werdende Landstraße folgen wir einem Campingschild ca. 8 km. Als wir nach Absolvierung einer sehr engen und komplizierten Zufahrt wieder ein „No, sorry full!“ erhalten, scheint unsere Glücksträhne endgültig gerissen …

Doch der nette, junge Mann in der Rezeption hat scheinbar Mitleid mit den „Austrians“ und telefoniert zu einer in der Nähe gelegenen Farm mit Camping, die wir nach einigem zähen Ringen mit Orientierung und Zufahrt auch finden. Und – langer Rede, kurzer Sinn: „We are lucky“! Obwohl der kleine Platz zum großen „Camping and Caravaning Club“ gehört, wo wir keine Mitglieder sind, ist die ältere Lady, die den Platz betreibt wirklich nett zu uns und drängt uns trotz einiger stromtechnischer Ungereimtheiten und in Anbetracht der fortgeschrittenen Tageszeit zum Bleiben – was wir Gottseidank nicht bereuen. Im Gegenteil – never mind! Alles sauber, zwar klein (1 Dusche, 1 WC), aber sonst „very nice“ und unglaublich idyllisch gelegen … Ausblick auf Felder und Weiden mit Tausenden Schafen, sehr hilfreiche Nachbarn und letztlich trotz fehlender Mitgliedschaft 15 Pfund je Nacht … electricity included.

Die „Rye Hill Farm“ wird zum Ausgangspunkt der abschließenden Besuchstouren in GB, wir gehen es aber sehr gemächlich und stresslos an. Wir spüren vor allem die Programmfülle der vergangenen Tage und Gerlinde schon ein bisschen die anstehende lange Fährfahrt nach Holland.

Nachdem wir bereits zu Beginn des kommenden Tages das Stromproblem lösen können, machen wir eine kleine Runde nach Hexham, dem malerischen Hauptort am Tyne mit Römerbezug. Apropos „Römer“. Die haben hier ja mit dem „Hadrians Wall“ eindrucksvoll ihre Spuren hinterlassen, angesichts der Tatsache, dass wir bereits zweimal den 120 km langen Grenzwall und vieler seiner Highlights besucht haben, sparen wir uns Touren dorthin diesmal – auch in Anbetracht der hauptsaisonalen Besuchsströme.

Am Abend drehen wir eine Runde südwärts in den „North Pennins“ und wir erleben rund um „Derventwater“ mit „BBC Classic“ im Autoradio eine großartige Landschaftstour bis Consett, dem Geburtsort von „Mr. Bean“ Rowan Atkinson. Die Landschaft glänzt im abendlichen Sonnenlicht - unendliche Hügelketten, Highland-Vegetation und unzählige Schafe sorgen für Hochstimmung, der im Camp noch eine „Pasta-Party a la Cook“ inklusive spannendem Gespräch mit einem echten Engländer, der nur schwer zu verstehen ist, folgt.

Den letzten Tag im „United Kingdom“ verbringen wir nach Relax-Vormittag im Tyne-Valley und starten mit der bekannten Brücke von Corbridge, die uns bereits einen tiefen Einblick in die Flusslandschaft gewährt. Nach einem Abstecher zum Prudhoe Castle, wo wir mit einer Truppe „Tamagochi-Sucher“ erkennen müssen, dass montags viele Castles gesperrt sind, und weiteren Brückenausblicken geht’s mitten in die City von Newcastle, wo wir aufs Geratewohl losstarten und am bekannten „St. James‘ Park“ landen, dem Fußballstadion des FC Newcastle United.

Mit Parkplatz um 2,- Pfund in der „Poleposition“ statten wir dem Fanshop einen Besuch ab und stärken uns im Pub nebenan. Diesmal muss Fußball zur Spurensuche herhalten, denn für unsere geplante Musiktour konnten wir keine Bezugspunkte finden – auch der nette Campnachbar, der aus der Heimat von Eric Burdon stammt, war ratlos. Dabei stammen aus Newcastle eine Vielzahl an populären Musikern von Weltruf, so neben Burdon („Animals“) auch Sting, Alan Price, Lighthouse Family oder die Kultband Lindisfarne, die in den 1970-er-Jahren Stadt und Fluss nachdrücklich verewigten … „Fog on the Tyne“ und „We can swing together“ – eh schon wissen.

Dann fahren wir durch die City und gelangen – durch alte Orientierungsfetzen meines Besuches aus 1980 – zum Castle und zum Fluss, wo wir wieder „Poleposition“ beim Parken haben, diesmal um 1,- Pfund!

Das Viertel um Castle und Tyne-Brücken („Fog on the Tyne“) ist der spannendste Teil der Stadt und wir genießen das tolle Ambiente mit den unterschiedlichen Brückenbauten aus 3 Jahrzehnten – die älteste davon wurde schon Mitte des 19. Jahrhunderts von Robert Stevenson erbaut und führte in 50 m Höhe zweigeschossig für Bahn und Auto über den Tyne, der sich hier allmählich mit dem Meer vermischt.

Robert Stephenson und sein Vater George waren die berühmten Lokomotivkonstrukteure und Eisenbahningenieure. Sie waren am Ausbau der Eisenbahn in England und Europa maßgeblich beteiligt und sind auch Erfinder der Lokomotive „Rocket“.

Wo einst Industrie- und Hafenatmosphäre herrschte entstand in den letzten Jahrzehnten ein beliebter Treffpunkt für die Bevölkerung und auch wir flanieren zum Südufer, das bereits jenseits der Stadtgrenze in Gateshead liegt. Den Abschluss bildet schließlich ein waghalsiges Manöver, denn die – auch filmisch festgehaltene – Durchfahrung der alten Brücke ist eigentlich nicht für Pkw erlaubt und nur Bussen vorenthalten – sorry Ausländer! Never mind – nix passiert.

Auf dem Rückweg bekommen wir noch einen Hauch von „Rush Hour“ mit, der hier jeden Abend herrscht.

Und am Abend lassen wir 3 angenehme Nordenglandtage Revue passieren und stellen uns bei Betrachtung der laut blökenden Schafe rund um unser Camp die Frage, was bedeutet das lautstarke Geblöke, das die ganze Nacht nicht endet … wie und warum verständigen sich Schafe untereinander, wenn sie kaum Zeit zwischen den Fresseinheiten haben!?! Scherz beiseite – neben diesen „Betrachtungen“ ziehen wir auch ein positives Resumee, denn es waren schöne Tage auf der Rye Hill Farm … Ruhe, nur Gegend und Schafe, die eine sehr freidliche Stimmung vermitteln. Wir haben Glück gehabt, diesen Ort zu finden, aber auch die Muße gehabt, dieses Geschenk zu nützen … jetzt sind wir sogar mit England – allerdings nur „Nordengland“ versöhnt – wirklich toll hier! Vielleicht sogar ein Grund, nochmals wieder zu kommen …?

Am Morgen der Abfahrt der Fähre ist der Hochsommer wieder zurück und nach gemütlichem Frühstück im Freien geht es gegen Mittag mit Klängen von Tschaikovsky im „BBC Classic“ über die Hügel bei Hexham Richtung Newcastle bzw. North Shields, wo der Fährhafen liegt.

Mit gutem Zeitpolster können wir noch dem Riesen-Outlet-Store vor der Fähre einen Besuch abstatten, ehe es zum Check-In und recht rasch an Bord der „Princess Seaways“ der Linie DFDS geht. Und weil’s halt dazu passt, stehen wir in unserer Lane an Bord als Nr. 1 … es kann los gehen!

Um ½ 3 Uhr sind wir an Bord – jetzt heißt es Uhren vorstellen, denn an Bord herrscht „Continental Time“, also GMT+1. Unsere Kabine liegt auf Deck 6 und hat die Nummer 6006 …?!? Pünktlich um 17,59 h legen wir in der Tynemündung ab und fahren gemütlich entlang der bunten und dicht bewohnten Ufer Richtung Nordsee, die sich spiegelglatt und wetterfreundlich zeigt – Gerlinde ist sichtlich erleichtert und als echtes Highlight entpuppt sich das abendliche „Dinnerbuffet“, das wir im Rahmen eines günstigen Spezialpaketes ebenfalls schon gebucht haben und sichtlich genießen. So geht es via „Mini-Kreuzfahrt“ zurück nach Holland und bringt einen krönenden Abschluss einer bislang bereits unglaublichen und vielfältigen Reise. Wie heißt es so schön: „Das Glück dem Tüchtigen“ oder wie wir in diesen Momenten zu sagen pflegen: „Von nix kummt nix“.