GRIECHENLAND … IMMERWÄHRENDE SPURENSUCHE

Irgendwaun bleib i daun durt (Sommer 2019)

Man kann es „Herzblut“ nennen oder lebenslange Sehnsucht … oder einfach „back to the roots“. Auch nach fast 4 Jahrzehnten. Denn unsere Wurzeln in Sachen Familienbildung liegen seit den frühen 1980-er-Jahren tief verankert in unzähligen griechischen Buchten, Stränden, Tavernen, Pensionen … aber auch Burgen, Ruinen, Tempeln, Kapellen. Und so ist ein Besuch in Griechenland für uns ständiges Erinnern samt Spurensuche, auch wenn es nur für eine Woche ist … man sollte aber besser sagen: für rund 10.000 Minuten.

Man kann sich auf Spurensuche in kultureller, historischer, geografischer oder jeder anderer Hinsicht machen … oder auf die eigene. Letzteres trifft für Griechenland zu. Tatort sind die Küsten, Täler, Berge und Orte des südlichsten Land Europas.

 

Zuletzt war Griechenland zwar eher im Gespräch aufgrund seiner politischen, finanziellen und wirtschaftlichen Probleme – aber ehrlich gesagt, das interessiert uns als Besucher maximal peripher … und war für unsere zahlreichen Aufenthalte und den Leuten, die wir kennenlernten, eigentlich niemals ein Thema. Für die Griechen selbst – und man muss dazusagen, dass wir uns grundsätzlich von größeren Ansiedlungen fernhalten (Ausnahme Athen und notwendige Ankunftsstädte) – bedeuten solche „globalen Dinge“ nur wenig, vor allem wenn das eigene Auskommen reicht und die Daseinsnotwendigkeiten funktionieren.

 

Der gestandene Grieche sorgt schon dafür, dass es ihm an nichts fehlt … oder dass das einfach genügt, was da ist. Alles klar? So haben es wir kennengelernt – schon seit den Zeiten, als wir als strandhungrige Studenten ohne Zelt und mit wenig Geld wochenlang durchs Land fuhren. Das Leben ist einfach, Sonne und Meer bestimmen den Tagesrhythmus und griechisches Feeling haben wir in dieser Zeit ausreichend kennengelernt.

 

Neu an unserer diesjährigen Reise – die eher als „Kurztrip“ einzustufen ist - ist die Reiseart, denn niemals in all den Jahren betraten wir das Festland per Flugzeug. In den 1980-er-Jahren waren es jeweils abenteuerliche Touren auf der Route über Belgrad – Nis – Skopje per Auto, ab 1990 folgten die Reisen per Autofähre von Bari, Triest und Venedig meist nach Igoumenitsa und Patras. Einzige Ausnahme stellte ein österlicher Flugtrip auf die Insel Kreta dar, wo wir mit Freunden und Familien Gerlindes 40-er feierten und uns auf die Spuren von Alexis Zorbas gemacht hatten.

 

Landung im nächtlichen Thessaloniki per Wizzair und Abholung am Flughafen durch einen Vertreter der Autoleihfirma. Von dort sind es nur einige Straßen zum vorgebuchten Avalon Airport Hotel, wo wir um 22 Uhr ankommen und uns bei relativ angenehmen Temperaturen auf der Poolterrasse mit Bier und Ouzo akklimatisieren. Bei Abflug in Wien hatte es über 30°C gehabt, uns überrascht also die Wärme hier nicht.

 

Am nächsten Morgen sind wir nach ausgiebigem Frühstück schon bald unterwegs und steuern mit unserem knallroten Fiat Panda südwärts. Zuerst geht es in großen Bogen auf junger Autobahn um die laute und hektische Millionenstadt herum, ab Zusammenkunft mit dem Highway aus „Nordmazedonien“ (heißt seit 2018 so) von der Grenzstation Evzoni kommend, werden Erinnerungen wach, denn sowohl 1982 als auch auf unserer Hochzeitstour 1983 waren wir hier nach mühevollen „Nachtschichten“ angekommen.

 

Neu sind auch die wiederkehrenden Mautstationen, bis Platamon zahlen wir über 7 €. Unser Ziel für diesen Tag ist die Küstenregion zwischen Katerini und Larissa, wo wir 1983 eine Woche in absoluter Wildnis am Strand zwischen gleich gesinnten Griechen verbracht hatten. Das war der Start zu unserer Hochzeitsreise, auf der wir von Angelika und Bobby Ruprecht begleitet wurden und auch Studienkollegen von der Sportuni trafen.

 

Auf unendlichen Schotterstraßen waren wir 1983 in Kokkino Nero gelandet und hatten uns mühsam und geduldig selbst versorgt. Wir bewegen uns hier am Fuße des Olymps – mit rund 3000 m so hoch wie der Dachstein - und welch Unterschied ist die Anfahrt heute, denn von Stomio führt eine bestens ausgebaute Straße idyllisch über Gebirgs- und Küstenroute. Da uns Vorausbuchungen grundsätzlich nicht liegen, weil stets die Angst mitschwingt, irgendwo in Hinterhöfen mit Bergblick zu landen, versuchen wir unser Glück mithilfe von Google Maps und Tipps auf booking.com.

 

In Kokkino Nero selbst sind die Wasserfrontquartiere ausgebucht, aber schon 2 Buchten später treffen wir bei Paliouria auf ein idyllisches Quartier, das uns sofort anspricht. Mit unglaublichem Ausblick einige Meter über einer unendlichen Strandbucht gelegen vermittelt die Pension Kastra jenes einfache, familiäre Feeling, das wir in all den Jahren oft kennen- und lieben gelernt haben. Da bei unserer Ankunft die Hausfrau noch unterwegs ist und der Ehemann wenig zuständig ist, kommen wir nach kleiner, aber wenig erbaulicher Erkundungstour am Strand von Velika wieder retour … und wissen, welch Idyll wir hier entdeckt haben.

 

Etwas in die Jahre gekommen, aber in vielen Details sehr liebevoll und persönlich gestaltet, steht man nach kurzer, steiler Straße unter Weinreben, zahlreichen Obstbäumen und wird von den Hausleuten herzlich begrüßt. Für uns ist sofort klar – hier bleiben wir. Nach kurzer Verständigungsphase ist auch ein „Best price“ ausgehandelt, der sich hier bei einer Höhe fürs Doppelappartement bewegt wie sonst für Einzelzimmer. Über einige Stufen geht es ans Meer und spätestens nach dem 1. Bad in den tiefblau-türkisen Wellen der Ägäis ist uns klar, wir sind angekommen!

 

Die Unterkunft ist einfach, aber typisch griechisch, Ausblick und Lage sind einzigartig und die wenigen Schritte in unsere „Privatbucht“ gelten als kreislauffördernd. Eine Vielzahl an Tavernen im Umkreis lässt uns tief in die wirkliche griechische Küche eintauchen … Meeresfrüchte und Fisch stehen ebenso am Speiseplan wie Tzatziki, Greek Salad, Moussaka und Souvlaki. Ouzo und Retsina runden die Menüs ab, den typisch heimischen Tsipouro bekommen wir vom Hausherrn kredenzt.

 

Apropos Hausherr. Stefanos packt uns eines Tages in sein Auto und beantwortet die Frage nach der Herkunft des Namens „Kokkino Nero“ („Rotes Wasser“), indem er uns zur nur den Heimischen bekannten Quelle eines Baches führt. Mit 12°C sprudelt das Wasser aus dem Berg, stellt mit 14 enthaltenen Mineralien ein echtes Heilwasser dar und dient den Bewohnern als Gesundbrunnen. In einem mannsgroßen Loch sitzt man nach Akklimatisationsphase solange bis zum Hals im Eiswasser, wie man es aushält … 5 Minuten sind beim ersten Mal eine von den Besuchern anerkannte Dauer, beim 2. Versuch fühlt man sich bereits richtig wohl.

 

Wir wiederholen den Besuch am nächsten Tag selbständig und schwören insgeheim bereits, im kommenden Jahr wiederzukommen und die Quelle täglich zu benutzen. Natürlich zählt zum Wohlfühlfaktor des Ortes auch seine abgeschiedene Lage abseits des Tourismusstroms, das Fehlen großer Beherbergungsburgen und das seit Jahrzehnten unveränderte, gemütliche Dahinfließen des Daseins der Einheimischen. Die Zeit scheint seit den 1980-er-Jahren still zu stehen, nicht einmal die asphaltierte Straße konnte dieses Idyll stören und das Leben nachhaltig verändern.

 

Da Kokkino Nero Kontakt zu Auswanderern nach Polen besitzt, kommen verstärkt Touristen aus dieser Region ins Dorf, vielfach um die Verwandten zu besuchen, aber auch um das Angebot an Küste und Strand zu genießen. Sogar ein kleines Tourismusbüro hat man eingerichtet, Bäckerei, Mini-Markt, Ramschläden und Tavernen decken die übrigen Annehmlichkeiten ab. Die Heilquelle, die im oberen Ortszentrum zum freien Zugang in Becken und Rinnsalen gefasst wurde, bleibt die einzige wirkliche Attraktion.

 

Der „Superstar“ war und ist aber das glasklare Ägäische Meer in den zahllosen Buchten um Kokkino Nero. Je nach Blickwinkel schimmern die Wellen von türkis über tiefblau bis hin zu den unglaublichen Rottönen eines kitschigen Sonnenaufganges. Feine Kiesstrände mit sandigen Abschnitten bieten genügend Platz und auch wir genießen den Freiraum unserer „Hausbucht“, die lediglich am Wochenende von einige Griechen besucht wird. Da wir uns als echten Hauptprogrammpunkt diesmal „Strand, Relaxen und Meer“ vorgenommen haben, verbringen wir viele Stunden am und um die Bucht von Paliouria.

 

In relaxtem Zustand haben wir viel Zeit für Erinnerungen und Videoschnitten mit Anekdoten. Mit der Gopro gelingen auch Unterwasseraufnahmen und abenteuerlichen Einstellungen … einziger Wehmutstropfen dabei: in einer gewaltigen Welle löst sich die Kamera vom Stativ und – trotz zahlreicher Tauch- und Suchversuche – versinkt in den Tiefen der Ägäis. Glück im Unglück: Gottseidank hatte ich am Vorabend wie aus innerer Eingebung alle bisherigen Daten auf den Laptop gesichert!?!

 

Besuch erhalten wir auch, nämlich von Birgit auf ihrem Weg zurück zum Flughafen Saloniki, denn sie verbrachte fast 3 Wochen bei Volos und auf Skopelos. Ja und Apropos, Weg zurück. Auch wir treten diesen schließlich wieder an und streifen dabei jenen Ort nahe der Ortschaft Paralia Skotinas, wo wir 1982 bei unserem ersten Trip nach nächtlicher Anreise von Österreich einige Tage am Sandstrand verbrachten. Und ziehen schon nach wenigen Minuten sehr frustriert von dannen, denn von der einstigen Naturidylle ist nichts mehr übriggeblieben. Heute regieren hier Hotels, Camping, Tavernen, Parkplätze und ein riesiges Heer an Sonnenhungrigen. Und die Autokennzeichen lassen die neue Klientel erkennen, denn neben griechischen Kennzeichen dominieren vor allem Autos aus den Herkunftsländern Serbien, Bulgarien, Rumänien, Tschechien, Slowakei und Bosnien.

 

Da träumt man schon wenige Kilometer später bereits von Kokkino Nero …